Statement:

  • 20. November 2014

Anhörung zu den sozialen und wirtschaftlichen Auswirkungen der Kultur


Das Recht am kulturellen Leben teilzunehmen ist ein Menschenrecht. Treffend hat der Europarat 2012 dazu ausgeführt: „Denjenigen, welchen dieses Recht vorenthalten wird, die verlieren auch die Möglichkeit ihre anderen Rechte mit Verantwortung auszuüben, durch mangelndes Bewusstsein von der Fülle ihrer Identität. Darüber hinaus trägt Zugang zu den Künsten und freie künstlerische und kulturelle Ausdrucksfähigkeit zur Entwicklung des kritischen Denkens bei, um das gegenseitige Verständnis und den gegenseitigem Respekt zu fördern. Damit tragen sie zur Verstärkung der demokratischen Bürgerschaft und des sozialen Zusammenhalts bei, einem "harmonischen Zusammenleben" und Frieden zwischen den Völkern. "

Damit ist es Aufgabe der Kulturpolitik allen Menschen nicht nur Wege zum Kultur-Konsum zu eröffnen, sondern ihnen auch Wege zu einer pro-aktiven Beteiligung an der Schaffung, Nutzung und Verbreitung von Kunst und Kultur zu ebnen. In jedem Fall ist kulturelle Bildung dafür Voraussetzung. Durch Kulturelle Bildung werden grundlegende Fähigkeiten und Fertigkeiten erworben, die für die Persönlichkeitsentwicklung der Menschen, ihre emotionale Stabilität, Selbstverwirklichung und Identitätsfindung von zentraler Bedeutung sind: Entwicklung der Lesekompetenz, Kompetenz im Umgang mit Bildsprache, Körpergefühl, Integrations- und Partizipationskompetenz und auch Disziplin, Flexibilität, Teamfähigkeit. Mit Kultureller Bildung werden Bewertungs- und Beurteilungskriterien für das eigene und das Leben anderer sowie für die Relevanz des erworbenen Wissens gewonnen. Kulturelle Bildung ist vor allem Selbstbildung in kulturellen Lernprozessen. Sie fördert soziale Handlungskompetenz und Teilhabe und qualifiziert den Menschen für neue gesellschaftliche Herausforderungen. Sie trägt damit entscheidend auch zur wirtschaftlichen und sozialen Stabilität bei.

Wir sollten also erkennen und ich hoffe, dass die Experten, die sich heute dankenswerterweise die Zeit für den Austausch mit uns genommen haben, dies auch ausführen werden: Ein besseres Bewusstsein für eine kulturelle Teilhabe kann ein gut funktionierendes Instrument erfolgreicher Politik sein.
Aber zugleich muss gesagt werden, dass es sicher kein Allheilmittel ist: Auch ein Höchstmaß an kultureller Teilhabe ist nicht dazu in der Lage, gesellschaftliche Ungleichheiten aufzuheben oder zu egalisieren. Kulturelle Teilhabe ist nicht nur Werkzeug zu Überwindung einer Krise. Dementsprechend sind kulturpolitische Perspektiven zu entwerfen die über eine Krisenüberwindung hinausreichen.
Das gilt erst recht bei einer ökonomischeren Betrachtung der Kultur. Schon wegen des seitens der Sozialdemokraten immer wieder betonten Doppelcharakters kultureller Dienste als originäres Kultur- und eben auch als Wirtschaftsgut ist es höchste Zeit, endlich Investitionen in die Kreativindustrie nachhaltiger zu betrachten . Das heißt, sich davon zu lösen, es als Heilmittel von Krisen zu betrachten und längerfristig zu denken.

Die Kreativwirtschaft ist eine eigene Wirtschaftsform und Zukunftsbranche. Sie ist mit ihrem hohen wirtschaftlichen Potenzial mindestens so zu fördern wie die klassischen Industrien. Dafür wollen wir den Innovationsbegriff öffnen. Die bestehenden Fördersysteme sind für die klassische Industriepolitik entworfen worden. Es gibt zwar mittlerweile vielfältige Ansätze zur Förderung der Kreativwirtschaft. Oftmals greifen diese jedoch nicht ineinander. Ein Denken jenseits der Clustergrenzen kann einen Beitrag leisten, die Kooperation beispielsweise zwischen Wissenschaft und Wirtschaft sowie zwischen verschiedenen Branchen , wie zum Beispiel Kreativwirtschaft und verarbeitendes Gewerbe, zu verbessern. Darüber hinaus müssen Förderprogramme nicht nur die Gründungs-, sondern vor allem auch die Wachstumsphasen junger Unternehmen berücksichtigen, in denen sie häufig noch fragil sind.

Schließlich müssen Widersprüche in der unterschiedlichen Bewertung verschiedener kultureller Leistungen und Güter, wie zum Beispiel ermäßigte Steuersätze für Bücher und E-Books gleichermaßen diskutiert und angepasst werden.
Viele Facetten sind zu berücksichtigen. Vor allem möchten wir mit der heutigen Veranstaltung erneut dafür werben Kulturpolitik stärker als Querschnittspolitik zu begreifen und fachbereichsübergreifend zu denken. Wir freuen uns auf einen anregenden Austausch mit Ihnen, liebe Experten und natürlich auch mit allen Gästen, die heute zu uns gekommen sind.