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  • Berlin/Düsseldorf, 23. Juli 2013

Wohnung verzweifelt gesucht...


Schwarz-Gelb sperrt sich gegen eine Mietpreisbremse – dabei ist der Wohnungsmarkt überteuert und hart umkämpft. Das spürte SPD.de-Redakteurin Marnie Gräber am eigenen Leib, als sie sich in Berlin auf Wohnungssuche begab. Ein Bericht über horrende Preise, freche Makler und verzweifelt Suchende.

Ein Beispiel aus Berlin-Kreuzberg, dass sich jedoch so auch in der Landeshauptstadt Düsseldorf und in jedem anderen Ballungsraum in Deutschland leider täglich tausendfach wiederholt.

.Hierzu erklärt Andreas Rimkus, Düsseldorfer SPD-Chef und Bundestagskandidat für den Düsseldorfer Süden:...und weil auch in Düsseldorf in Mieten explodieren...und weil auch in Düsseldorf ein kommunales Wohnungsbauprogramm fehlt...
deshalb werde ich keine Ruhe geben, bis geeignete Maßnahmen ergriffen werden, dass endlich wieder bezahlbare Wohnungen gebaut werden...

... ich fordere: Düsseldorf muss wieder zur Heimat für alle werden...
...das bedeutet, dass Menschen mit niedrigem und mittlerem Einkommen, nicht aufgrund der steigenden Mietpreise aus Düsseldorf verdrängt werden dürfen. Düsseldorf darf nicht zur Stadt der Reichen und Wohlhabenden werden, die sich die Mieten hier leisten können. Das Ziel ist eine gute soziale Durchmischung in allen Stadtteilen...

Was genau arbeiten Sie? Sind Sie dort festangestellt? Können Sie sich die Wohnung langfristig leisten? – drei knackige Fragen, bevor mir ein Besichtigungstermin angeboten wird. Der Makler am Telefon ist forsch, fordernd und frech. Das geht ja gut los.

 

30 Quadratmeter für 430 Euro

Dabei will ich weder ein Penthouse noch ein Loft. Ich möchte eine 1-Zimmer-Wohnung in Kreuzberg besichtigen: 1950er-Jahre-Bau, 30 Quadratmeter, 430 Euro Kaltmiete. Vermutlich ist der Stadtteil das Problem. Oder die Stadt. Oder beides?

 

Während meiner Suche im Internet habe ich erfahren: Der Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg ist laut Mietspiegel mit durchschnittlich 8,02 Euro pro Quadratmeter Berlins teuerstes Stadtviertel – dem ungebrochenen Immobilien-Boom sei Dank. Dieser sorgt inzwischen in der Hauptstadt für Spitzenwerte von bis zu 17 Euro pro Quadratmeter in Spitzenlagen.

 

Gehaltsnachweise, Bürgschaft, Schufa-Auskunft und Passfoto

Ich habe Glück im Unglück: Ich erfülle die Kriterien der Maklerin, wir verabreden uns für 18 Uhr. Als ich sie treffe, schaut sie verwundert in meine leeren Hände: Ob ich keine Unterlagen dabei hätte, fragt sie. Gehaltsnachweise, Bürgschaft, Schufa-Bonitätsauskunft, Bescheinigung über die Mietschuldenfreiheit, Passfoto.

 

Passfoto? Damit sie wisse, wem sie die Unterlagen zuordnen könne, erklärt sie. Für die Wohnung hätten sich innerhalb eines Tages bereits 30 Interessenten gemeldet – und die meisten bringen ihre ‚Bewerbungsmappe’ gleich mit. Kein Wunder, dass alle Suchenden ausflippen, denn: Die Wohnungsnot in Berlin ist groß.

 

Aktuell gibt der Verband der Berlin-Brandenburgerischen Wohnungsunternehmen (BBU) für Berlin eine Leerstandsquote von 2,3 Prozent aus. Zum Vergleich: In München liegt sie bei 1,6 Prozent und in Hamburg bei 0,9 Prozent.

 

Mit Fahrradstellplatz, immerhin

Wir betreten die Wohnung im zweiten Stock. Viel zu sehen gibt es nicht, außer – Bauschutt. In der ganzen Wohnung wird neu tapeziert und neues Laminat gelegt. Das Bad ist klein und fensterlos, die Fugen vergilbt. Die Küche beherbergt eine Spüle mit eingerissenem Unterschrank und geblümten, altmodischen Fliesen. Immerhin offenbart das Schlafzimmer einen Blick ins Grüne.

 

Ob die Renovierung der Grund für den hohen Quadratmeter-Preis sei, frage ich und ernte einen bösen Blick. In der Miete sei immerhin der Internet-Anschluss enthalten und zudem könne ich mein Fahrrad im Hinterhof parken. Außerdem sei die Miete in den letzten Jahren nicht gestiegen, so die ausführliche Rechtfertigungs-Antwort. Nun ja.

 

Wohnungssuche: Nicht ohne Bewerbungsmappe

Ähnlich ergeht es mir am nächsten Morgen ein paar Kilometer weiter im derzeit angesagten Szene-Kiez Neukölln. Diesmal handelt es sich um einen Massen-Besichtigungstermin. Bei den vielen Anfragen, erklärt die freundliche Dame von der Wohnungsgesellschaft vorab am Telefon, sei ein privater Besichtigungstermin ausgeschlossen. Ich solle auf jeden Fall meine Unterlagen mitbringen, fügt sie noch hinzu. Natürlich, antworte ich, meine Bewerbungsmappe werde ich vor Ort übergeben. Sie lacht, ich lache nicht.

 

Massenbesichtigung: Eine Person pro Quadratmeter

Die 2-Zimmer-Parterrewohnung von 54 Quadratmetern kostet 567 Euro Kaltmiete. Auch sie ist frisch renoviert und statt Blümchen-Fliesen gibt es hier eine niegelnagelneue Einbauküche. Am Herd thront die Dame von der Hausverwaltung und nimmt die Mappen der anderen Bewerber entgegen.

 

Ich zähle: Rund 50 Menschen sind da. 

Ich reihe mich in die Schlange vor dem Herd, um meine Unterlagen loszuwerden und – um nett zu lächeln. Eine Freundin, ebenfalls lange eine Wohnungssuchende, gab mir den Tipp: Sie müssen dich mögen – also lächele gefälligst und sorge dafür, dass sie dich im Gedächtnis behalten.

 

Sie selber war nett und hat viel gelächelt – und hat nach zwei Monaten nun endlich eine Wohnung in Kreuzberg ergattert: 1-Zimmer, sehr dunkel und sanierungsbedürftig, 36 Quadratmeter für 440 Euro warm. Ursprünglich hatte sie sich etwas anderes vorgestellt – mittlerweile freut sie sich, überhaupt etwas gefunden zu finden.

 

„Der Nächste bitte“

In der Schlange komme ich mit den anderen Wohnungssuchenden ins Gespräch: Verzweifelt berichten sie mir, dass der Wohnungsmarkt keinen bezahlbaren Wohnraum mehr hergebe. Der Fahrradkurier Thomas, 34 Jahre alt, guckt sich bereits die 28. Wohnung an.

 

Steven und seine Freundin Julia wollten ursprünglich 80 Quadratmeter in Kreuzberg – mittlerweile, so die beiden, möchten sie einfach irgendeine Wohnung. Ihr „Problem“: sie sind Studenten und haben beide nur 400-Euro-Jobs.

 

Ich bin an der Reihe. Lächelnd übergebe ich meine Mappe – ebenso lächelnd wird sie angenommen. Wir melden uns bei Ihnen, in etwa zwei bis drei Wochen, heißt es. In zwei bis drei Wochen? Ich lächele nicht mehr. „Der Nächste bitte“, höre ich die Dame von der Wohnungsgesellschaft sagen.

Quelle: www.spd.de